Beschreibung der dritten Straßburger Münster-Uhr (2)

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Die dritte Straßburger Münster-Uhr


"Lexikon der Uhrmacherkunst" - Carl Schulte. (Teil 2)


Dagegen an der Wintersonnenwende, nämlich Dezember, der kürzeste Tag und die längste Nacht auf dem Zifferblatte der scheinbaren Zeit angedeutet werden. In diesen Angaben, die in wahrer Sonnenzeit nach dem Straßburger Meridian berechnet sind, ist die Refraktion der Strahlenbrechung in Rücksicht genommen worden, vermittels welcher die scheinbare Höhe eines Gestirns immer etwas größer, als die wahre ist. Darum sieht man auch die Sonne eher auf-und später untergehen, als es wirklich der Fall ist. Die Folge hiervon ist eine Verlängerung des eigentlichen Tages, die unter der geographischen Breite Straßburgs etwa 8 Minuten beträgt. Zwei Zeiger von nämlicher Farbe, wie das Zifferblatt, auf welchem sie sich bewegen, tragen der erstere eine vergoldete Strahlenscheibe, der andere eine kleine Kugel, die auf einer Seite versilbert, auf der anderen schwarz ist. Die Durchmesser der zwei. Zeiger, welche die Sonne und den Mond darstellen, sind im genauen Verhältnise mit der scheinbaren mittleren Größe dieser beiden Gestirne, wodurch sie sich ganz genau zur Anzeige der Finsternisse eignen. Zu diesem Zweck ist die durch die nördliche Halbkugel vorgestellte Erde auf dem Mittelpunkte des Zifferblattes angebracht worden. Diese Halbkugel ist solcher Art orientiert, dass die Länge Straßburgs in gleicher Richtung mit dem Zenit steht, d.h. dass der Meridian Straßburgs in senkrechter Linie sich befindet; da diese Hemisphäre mit der größten Genauigkeit alle Länder vorstellt, welche sich zwischen dem Äquator und dem Nordpol befinden, dient sie demnach, die Durchgänge der Sonne und des Mondes durch die Meridiane dieser verschiedenen Länder anzuzeigen. So z.B. sieht man, dass Wien ungefähr 34 Minuten früher und Paris ungefähr 23 Minuten später den Mittag in ihren Zeniten haben, als Straßburg.

Während den Bewegungen, welche die Sonne und der Mond in ungleichen Zeitabschnitten bewerkstelligen, geschieht es, dass diese beiden Gestirne gegenseitig sehr verschiedene Stellungen einnehmen. Steht der Mond, hinsichtlich unseres Planeten, auf der nämlichen Seite wie die Sonne, und befindet sich derselbe in seinen Knoten oder in deren Nähe, d. i. an den Punkten, wo die Mondesbahn den Plan der Ekliptik durchschneidet, so steht er genau zwischen der Sonne und der Erde; folglich muss der Mond, da er ein undurchsichtiger Körper ist, das Licht der Sonne uns entziehen und auf diese Weise scheinbar die Sonne verdunkeln. Während dieser Sonnenfinsternis steht der dunkle Teil des Mondes gegen den Zuschauer, und die Sonne ist mehr oder weniger bedeckt, je nachdem es eine partielle oder totale Finsternis ist. Hingegen wenn der Mond, in Beziehung auf die Erde, sich auf der entgegengesetzten Seite der Sonne befindet, und derselbe in seinen Knoten oder sehr nahe daran ist, so verhindert die Erde, welche alsdann zwischen diesen beiden Gestirnen steht, das Licht der Sonne auf unsern Trabanten zu kommen, daraus entsteht eine Mondfinsternis; diese Erscheinung findet in der Uhr durch das Verschwinden des Mondes statt, indem er von einem kugelförmigen Erdschatten bedeckt wird. Dieses Verschwinden ist größer oder kleiner, je nachdem die Finsternis eine totale oder teilweise ist; man sieht auch noch an der Stellung beider Gestirne, ob sie nördlich oder südlich ist.

Dieser Teil der Uhr zeigt mit der möglichst genauen Präzision diese Himmelserscheinungen an, die in früheren Zeiten für das Volk ein Gegenstand des Schreckens waren, während sie heutzutage berechnet und vorher bestimmt werden können. Die Uhr gibt uns nicht nur die zu Straßburg sichtbaren und unsichtbaren Finsternisse zu erkennen, sondern sie zeigt uns auch noch die übrigen Gegenden an, wo solche stattfinden. Da nun die Sonnenfinsternisse nur im Augenblicke der Konjunktion, nämlich zu der Zeit des Neumondes, und die Mondfinsternisse in dem der Opposition, d.h. zur Zeit des Vollmondes, statthaben können, so ist es leicht zu begreifen, wie, nebst der Bewegung, welche unser Trabant um die Erde macht, er sich bald derselben nähern, bald von ihr entfernen muss. Dadurch stimmt die Bewegung mit seiner Entfernung, hinsichtlich der Ekliptik, überein, und der Mond erscheint zu gleicher Zeit bald heller, bald dunkler, um uns seine verschiedenen Lichtwechsel (Phasen) anzuzeigen, sowie sich dieselben, während einer jeden Mondesrevolution um die Erde, unseren Augen darstellen. Von den scheinbaren Bewegungen der Sonne und des Mondes richtet sich dann das Auge nach den zwei Mechanismen, die denselben zur Seite stehen.

Der zur Linken des Zuschauers dient, wie es die Überschrift: Comput ecclésiastique andeutet, zur Bestimmung der verschiedenen Angaben, welche zur Abfassung eines Kalenders und hauptsächlich der Kirchenfeste nötig sind. Es ist dies das erste Mal, dass, vermittels mechanischer Vorrichtungen, ein ewiger Kalender und eine kirchliche Zeitrechnung gefertigt worden. Der Comput dient hauptsächlich dazu, folgende Bestimmungen anzugeben: a) die Jahreszahl, b) den Sonnenzyklus, c) den Mondzyklus oder die goldene Zahl, d) die Indiktion oder Römer-Zinszahl, e) den Sonntagsbuchstaben, f) die Epakten, g) das Osterfest.

a) Die Jahreszahl besteht aus 4 Ziffern, welche am oberen Teile des Computs angebracht sind; eine jede dieser Ziffern besteht aus einem besonderen Ringe, welcher die 9 ersten Zahlen nebst der Null trägt. Der Ring der Einheiten, der alljährlich um eine Ziffer vorrückt, braucht 10 Jahre, um seinen völligen Umlauf zu vollenden. Der Ring der Zehner, der nur alle 10 Jahre sich bewegt, vollendet demnach seinen Umlauf oder Umkreis alle 100 Jahre. Der dritte Ring, welcher die Hunderte anzeigt, verwendet 1.000 Jahre zu seinem vollen Kreislaufe. Der Letzte endlich, jener der Tausende, erreicht sein Ziel erst nach Verlauf von 10.000 Jahren. Ist man an diesem Zeitpunkte angelangt, so hört dennoch der Gang des Computs nicht auf, weil das Prinzip, nach welchem dieser Mechanismus gefertigt worden ist, keine Grenze hat. Nun sind alle möglichen Kombinationen der 4 Ziffern der Jahreszahl erschöpft, über das Jahr 9.999 hinaus bedarf es bloß, dass man die Zahl 1 vor den Ring der Tausende stellt, um die Reihe der 10.000 darauf folgenden Jahre zu erhalten; ist diese Serie erschöpft, so ersetzt man die Zahl 1 durch 2 und erhält solchermaßen eine neue Serie, die 20 bis 30.000 in sich begreift, und so kann man immer fortfahren, wenn je das Werk einen so ungeheuren Zeitraum auszuhalten vermag.

b) Der Sonnenzyklus ist eine aus 28 Jahren bestehende Zeitfolge, nach Verlauf welcher die Tage der Monate sich wieder in den nämlichen Stellen befinden, wie die Tage der Wochen. Man hat dieser Periode den Namen Sonnenzyklus beigelegt, weil die alten Römer den ersten Tag der Woche als den Sonntag bezeichneten.

c) Der Mondzyklus ist eine Zeitperiode von 19 Jahren, nach Verlauf welcher, gemäß der Behauptung der alten Astronomen, die Neu- und Vollmonde in derselben Reihenfolge und an denselben Tagen wieder stattfinden. Dieser Zyklus wurde 432 Jahre vor Christi Geburt durch Meton aus Athen entdeckt. Dieser berühmte Astronom fand, dass 19 Sonnenjahre nahe an 235 Mondesumläufe enthalten, so dass nach 19 Jahren die Mondesphasen auf dieselben Monatstage fallen. Meton's Entdeckung schien den Griechen so merkwürdig, dass sie deren Berechnung in goldenen Buchstaben an den öffentlichen Gebäuden darstellten und das laufende Jahr dieser Zeitfrist die goldene Zahl nannten. Der Sonnenzyklus ist nur für den Julianischen Kalender richtig, er wird jedesmal unterbrochen, wenn das Säkularjahr kein Schaltjahr ist. Auch für den Mondeszyklus tritt alle 304 Jahre eine Abweichung von ungefähr einem Tage ein. Diese Unregelmäßigkeiten sind in der Uhr vorausberechnet. Der Mechanismus dieses Teiles des Computs ist so eingerichtet, dass alle in den Gregorianischen Kalender eingeführten Veränderungen, die zur Verbesserung des Julianischen nötig waren, berücksichtigt wurden.

d) Die Indiktion oder Römer-Zinszahl ist ein 15jähriger Zeitraum, welcher seinen Anfang 3 Jahre vor Christi Geburt nahm und der, in Verbindung mit den Mondeszyklen, die große Julianische Periode ausmacht. Zu den Zeiten Kaiser Konstantin's und seiner Nachfolger wurde diese Periode bei Gerichtshöfen und für die Erhebung der Steuern angewandt; sie diente gleichsam als Aufschub. Diese Römer-Zinszahl ist noch heute (1902) in den Akten des römischen Hofes und in jenen des Senats von Venedig üblich.

e) Die Sonntagsbuchstaben sind die, die in den ewigen Kalendern die Sonntage bezeichnen. Zu diesem Zwecke bedient man sich der ersten sieben Buchstaben des Alphabets, um damit die einzelnen Tage der Woche, und hauptsächlich den Sonntag, zu bezeichnen; diese Buchstaben, welche für ein Jahr von 365 Tagen eingerichtet sind, gehen jährlich um eine Stelle rückwärts; weil ein gemeines Jahr 7 mal 52 oder 364 Tage und noch einen Tag hat, so muss jedes Jahr natürlich mit demselben Wochentage sich endigen, mit welchem es angefangen. Mithin haben der 1. Januar und 31. Dezember immer den nämlichen Buch¬staben und fallen also auf denselben Wochentag. In Schaltjahren, die 366 Tage haben, bedient man sich zweier Buchstaben, von denen der erstere vom 1. Januar bis 28. Februar, der andere vom 1. März bis 31. Dezember gebraucht wird. Einem anderen Gesetze sind die Säkularjahre unterworfen, da 3 aufeinanderfolgende Säkularjahre keine Schaltjahre sind und das 4. erst ein solches wird. Diese Berichtigung wird jedesmal durch den Mechanismus bewirkt.

f) Die Epakten, deren Namen von einem griechischen Worte, welches einrücken bedeutet, abgeleitet wird, zeigen an, wieviel Tage am 1. Januar seit dem letzten Neumonde im vorhergehenden Jahre verflossen sind. Da die Mondenjahre 354 Tage betragen, also um 11 Tage kürzer sind, also das bürgerliche Jahr, so sind am Anfange des folgenden Jahres bereits 11 Tage seit dem letzten, im vorigen Jahre stattgefundenen Neumonde vorüber. Diese verflossene Zeit pflegt man das astronomische Alter oder die Epakte dieses (zweiten) Jahres zu nennen. Zwar ist diese Periode bei Weitem nicht regelmäßig; sie ist in den Säkularjahren einer Ausnahme unterworfen und kann demnach in einigen Fällen 10, in anderen, wegen der goldenen Zahl, 12 werden. Neben diesen Ausnahmen finden noch andere Unregelmäßigkeiten bei den Epakten statt, welche alle in den Mechanismus des Computs eingeführt worden sind.

g) Endlich dient der Comput auch noch zur Feststellung des Ostersonntages. Jedermann weiß, dass in der christlichen Kirche Ostern, das erste der sogenannten Feste, bald im März, bald im April gefeiert wird, und dass die meisten beweglichen Feste sich nach demselben richten; zur Regel aber, wie die Veränderlichkeit dieses Festes bestimmt werden müsse, hat das Konzilium von Nicäa im Jahre 325 verordnet: Ostern solle stets am ersten Sonntage nach dem ersten Vollmond im Frühling gefeiert werden; fällt jedoch dieser Vollmond selbst auf einen Sonntag, so sei Ostern auf den nächstfolgenden Sonntag auszusetzen. In Gemäßheit dieses Kirchenbeschlusses kann das Osterfest nicht eher als den 22. März, weil die Nachtgleiche auf den 21. fällt und nicht später als den 25. April, stattfinden; denn im Fall, wo der Vollmond auf den 20. März zu stehen kommt, trifft der darauf folgende Vollmond auf den 18. April; ist nun dieser Tag ein Sonntag, so kann Ostern erst den darauf folgenden oder den 25. April gefeiert werden. Obschon dieses Fest nur auf 35 verschiedene Tage fallen kann, so ist dennoch dessen Wiederkehr nicht periodisch, d.h. dasselbe Fest kann nicht mehr in einer schon vorübergegangenen Ordnung wiederkehren.


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